Oder war deine Ehe schon vor der Affäre kaputt? Wie du Schuld, eigenen Anteil und Beziehungsprobleme ehrlich auseinanderhältst.
Das Wichtigste in Kürze:
- Eine Affäre bedeutet nicht automatisch, dass du allein das Problem in deiner Ehe bist.
- Entscheidend ist, den eigenen Anteil, gemeinsame Beziehungsdynamiken und die Verantwortung des Partners getrennt zu betrachten.
- Eine Affäre kann Flucht oder Projektion sein – sie kann aber auch sichtbar machen, was in der Ehe schon lange fehlt.
- Ehe und Affäre sollten unabhängig voneinander geprüft werden: Eine schwierige Ehe macht die Affäre nicht automatisch richtig – und eine intensive Affäre nicht automatisch zukunftsfähig.
- Selbstverantwortung bedeutet nicht, alles bei dir zu suchen. Besser ist es, ehrlich zu prüfen, was du verändern kannst und welche Beziehung du unter den tatsächlichen Bedingungen noch führen möchtest.
Du willst diesen Blogpost anhören? Gesprochen von Silke Setzkorn

„Der Paartherapeut und meine Frau behaupten, ich sei das Problem.“
Mit diesem Satz saß Fabian vor einiger Zeit in meiner Online-Beratung vor mir.
Er hatte die Beratung gebucht, weil er meine Podcastfolgen über Affären kannte. Ihm gefiel, dass ich dort nicht entscheide, wer Täter, wer Opfer und wer nun bitte schuld an allem ist.
Und genau danach suchte er.
Fabian ist seit rund 30 Jahren verheiratet. Seine Frau hatte ihn bereits vor der Hochzeit mit One-Night-Stands betrogen und später über viele Jahre immer wieder eine Affäre. Vor ungefähr einem Jahr flog das Ganze auf und die Affäre seiner Frau endete.
Zu diesem Zeitpunkt war die Ehe für Fabian innerlich bereits beendet. Und nachdem die Affäre seiner Frau aufgeflogen war, verliebte er sich selbst in eine andere Frau und begann mit ihr eine Liebesbeziehung.
Nun saßen Fabian und seine Frau beim Paartherapeuten
Dort bekam Fabian eine klare Ansage: Wenn die Ehe überhaupt noch eine Chance haben solle, müsse er seine Affäre beenden.
Fabian verstand die Logik dahinter nicht.
„Warum bin denn jetzt ich das Problem?“, fragte er mich. „Meine Frau hat mich über Jahre betrogen. Schon vor unserer Hochzeit gab es andere Männer. Warum muss jetzt ausgerechnet ich etwas ändern, damit unsere Ehe wieder funktionieren kann? Und was hat meine Affäre überhaupt mit den Problemen zu tun, die wir schon vorher hatten?“
Er war empört über diese einseitige Betrachtung, gleichzeitig aber auch ziemlich hilflos. Vor allem hatte er das Gefühl, dass niemand wirklich sah, wie er selbst die vergangenen Jahre und seine Ehe erlebt hatte.
Und genau an dieser Stelle habe ich erst einmal etwas aus dem Gespräch genommen: die Bewertung
Ich habe Fabian gesagt: „Bei mir wird niemand verurteilt. Lass uns das Ganze allparteilich betrachten und erst einmal verstehen, was hier eigentlich passiert ist.“
Denn ich sage Menschen in solchen Situationen nicht: „Sie müssen sich trennen.“
Ich sage aber genauso wenig: „Retten Sie unbedingt Ihre Ehe.“
Und ich wollte auch nicht entscheiden, ob der Paartherapeut recht oder unrecht hatte.
Mich interessierte etwas anderes: Was passierte mit Fabian, der liebte, zweifelte, Verantwortung trug und gleichzeitig Angst vor den Folgen seiner Entscheidung hatte?
Denn natürlich trägt Fabian Verantwortung dafür, dass er eine Liebesbeziehung mit einer anderen Frau begonnen hat. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass er damit auch ab sofort für sämtliche Probleme seiner Ehe verantwortlich ist.
Diese beiden Dinge werden erstaunlich häufig miteinander vermischt.
Was ich mit Fabian deshalb auseinanderhalten wollte:
- Was gehört tatsächlich zu seiner Verantwortung?
- Was war schon lange vor seiner neuen Beziehung zwischen den beiden passiert?
- Was ist Angst, was Gewohnheit und was verbindet die beiden heute tatsächlich noch? Nach 30 Jahren Ehe hängt an einer Entscheidung schließlich sehr viel mehr als die Frage „Liebe ich meinen Partner noch?“
- Welche Bedeutung hatte die neue Frau wirklich für ihn?
- Welche Folgen hätte jede mögliche Entscheidung? Nicht nur emotional, sondern für Fabians weiteres Leben.
- Und ganz entscheidend: Was müsste sich zwischen den beiden verändern, damit eine gemeinsame Beziehung überhaupt wieder funktionieren könnte?
Mir war wichtig, dass Fabian nicht aus meiner Beratung geht und denkt: „Silke hat mir gesagt, was ich tun soll.“ Er sollte so gut verstehen, was zwischen ihm und seiner Frau passiert war und was heute in ihm selbst vorging, dass er seine Entscheidung am Ende selbst treffen konnte.
Bin ich wegen meiner Affäre automatisch das Problem in meiner Ehe?
Wer sich während einer Ehe in einen anderen Menschen verliebt, zweifelt irgendwann häufig nicht nur an seiner Beziehung, sondern auch an sich selbst.
Vielleicht hast du gehört, die Affäre sei nur eine Projektion. Du würdest vor deinen eigenen Themen davonlaufen. Dein Partner spiegele dir lediglich alte Verletzungen und eigentlich müsstest du nur gründlicher an dir selbst arbeiten.
An solchen Gedanken kann durchaus etwas dran sein. Menschen nehmen ihre Bindungsmuster, Ängste und ungelösten Themen schließlich mit in Beziehungen.
Problematisch wird es jedoch, wenn daraus eine Erklärung für alles wird
Dann hinterfragst du dich immer weiter, während kaum noch darüber gesprochen wird, was in deiner Ehe tatsächlich seit Jahren passiert. Vielleicht fehlen Nähe und Sexualität. Vielleicht werden Gespräche abgewehrt. Vielleicht hast du dich angepasst, vielleicht dein Partner. Vielleicht habt ihr beide längst eine Dynamik entwickelt, in der ihr euch gegenseitig kaum noch erreicht.
Und manchmal ist die unbequemere Wahrheit sogar, dass eine Beziehung tatsächlich nicht mehr zu dem Menschen passt, der du heute bist.
Bedeutet eine Affäre automatisch, dass mit mir etwas nicht stimmt?
Nein. Eine Affäre beweist zunächst einmal, dass du eine Grenze innerhalb deiner bestehenden Beziehung überschritten hast. Für diese Entscheidung trägst du Verantwortung.
Sie beweist aber nicht automatisch, dass sämtliche Probleme deiner Ehe bei dir liegen. Genau diese beiden Dinge werden in Diskussionen über Affären erstaunlich oft miteinander vermischt.
Man kann sagen: „Ich habe mit der Affäre jemanden verletzt und dafür übernehme ich Verantwortung.“ Und gleichzeitig feststellen: „Unsere Ehe hatte bereits lange vorher erhebliche Probleme.“
Das eine macht das andere nicht ungeschehen.
Nicht jede Unzufriedenheit in einer Ehe ist ein Kindheitsthema
Nicht jeder emotionale Rückzug ist Bindungsangst. Nicht jeder Verlust sexuellen Interesses bedeutet, dass jemand grundsätzlich Schwierigkeiten mit Nähe hat. Und nicht jede Sehnsucht nach einem anderen Leben lässt sich dadurch lösen, dass ein Mensch noch intensiver an sich arbeitet.
Natürlich lohnt sich Selbstreflexion.
Wer allerdings jahrelang versucht, jede Unzufriedenheit ausschließlich psychologisch in sich selbst zu erklären, kann sich damit genauso von der Realität entfernen wie jemand, der für alles den Partner verantwortlich macht.
Gerade wenn du zwischen Ehe, Affäre und möglicher Trennung stehst, braucht es deshalb eine genauere Betrachtung: Was gehört zu dir, was hat sich zwischen euch entwickelt, welchen Anteil trägt dein Partner und möchtest du diese Ehe unter den heute tatsächlich vorhandenen Bedingungen überhaupt noch führen?
Was sagt eine Affäre über die eigene Ehe aus?
Eine Affäre verändert die Wahrnehmung. Das sollte man nicht unterschätzen.
Die Ehe trägt Alltag, Verpflichtungen, Kinder, Rechnungen, Müdigkeit, Organisation und Konflikte, die sich vielleicht über Jahre aufgebaut haben. Die Affärenbeziehung erlebt dagegen häufig ausgesuchte Stunden, intensive Gespräche, Sexualität, Sehnsucht und besondere Aufmerksamkeit.
Damit startet der Vergleich nicht unter gleichen Bedingungen. Wer die aufregendsten Seiten einer Affäre mit dem erschöpften Dienstagabend seiner Ehe vergleicht, bekommt zwangsläufig ein verzerrtes Bild.
Das bedeutet aber nicht, dass alles, was du innerhalb der Affäre empfindest, deshalb bedeutungslos wäre.
Ist die Affäre nur eine Flucht oder macht sie etwas Reales sichtbar?
Beides ist möglich.
Eine Affäre kann wunderbar geeignet sein, um einer Entscheidung auszuweichen. Sie kann Bestätigung geben, innere Leere überdecken und das Gefühl vermitteln, endlich wieder gesehen, begehrt oder lebendig zu sein.
Manchmal dient die neue Beziehung auch als emotionale Absicherung. Eine Trennung wird erst vorstellbar, weil scheinbar bereits jemand auf der anderen Seite wartet.
Dann lohnt es sich, sehr genau hinzusehen.
Eine Affäre kann aber genauso sichtbar machen, was in einer Ehe schon lange fehlt
Vielleicht gibt es seit Jahren kaum noch emotionale Nähe. Vielleicht findet Sexualität praktisch nicht mehr statt. Vielleicht können wichtige Gespräche nicht geführt werden oder einer von beiden blockiert jede Form von Veränderung.
Die neue Liebe beweist deshalb nicht, dass dieser Mensch automatisch der richtige zukünftige Partner ist.
Sie beweist allerdings genauso wenig, dass die Ehe eigentlich völlig in Ordnung wäre und du nur deine eigenen Themen lösen müsstest.
Woran erkenne ich meinen eigenen Anteil an den Problemen meiner Ehe?
1. Wiederholen sich ähnliche Probleme in mehreren Beziehungen?
Wenn nach jeder intensiven Anfangsphase irgendwann Langeweile, Distanz oder die Sehnsucht nach einem anderen Menschen entsteht, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Vielleicht wird sichere Bindung irgendwann als Einschränkung erlebt. Vielleicht braucht es immer wieder hohe Intensität, um sich lebendig zu fühlen. Vielleicht fällt es schwer, Nähe aufrechtzuerhalten, sobald Beziehung alltäglich wird.
Das bedeutet nicht automatisch, dass mit dir etwas nicht stimmt. Ein wiederkehrendes Muster verdient aber Aufmerksamkeit.
2. Hast du deine Bedürfnisse in der Ehe wirklich ausgesprochen?
Auch dieser Punkt kann unangenehm werden.
Wer zehn Jahre schweigt, sich anpasst, Konflikte vermeidet und erst innerhalb einer Affäre plötzlich sehr genau weiß, was ihm fehlt, sollte seinen eigenen Anteil nicht übergehen.
Ein Partner kann schwer auf Bedürfnisse reagieren, die nie ausgesprochen wurden.
Allerdings gibt es auch die andere Seite: Manche Menschen haben sehr wohl gesprochen. Wieder und wieder. Vielleicht wurden ihre Wünsche heruntergespielt, Gespräche beendet oder Veränderungen versprochen, die nie stattgefunden haben.
Deshalb reicht der Satz „Du hättest besser kommunizieren müssen“ als Erklärung häufig nicht aus.
3. Idealisiere ich die Affäre?
Eine Affärenbeziehung findet zunächst meist unter besonderen Bedingungen statt.
Der andere Mensch musste vielleicht noch nie mit dir einen Umzug organisieren, Rechnungen bezahlen, Kinder betreuen, kranke Eltern begleiten oder nach drei Stunden Schlaf einen Konflikt lösen.
Es ist daher sinnvoll, nicht nur zu fragen, wie intensiv die Gefühle sind.
Interessanter ist, wie verlässlich dieser Mensch ist, wie er mit Grenzen umgeht, ob sein Verhalten zu seinen Worten passt und wie er reagiert, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft.
Eine Affäre kann sich außergewöhnlich anfühlen und trotzdem im gemeinsamen Alltag scheitern.
4. Brauche ich die Affäre, um mich überhaupt trennen zu können?
Diese Frage halte ich für besonders wichtig: Würdest du deine Ehe auch verlassen, wenn du danach zunächst allein wärst?
Wenn die Antwort eindeutig Nein lautet, solltest du prüfen, ob du gerade wirklich deine Ehe bewertest oder hauptsächlich zwischen zwei Sicherheiten wählst.
Denn eine tragfähige Entscheidung sieht anders aus als: „Ich gehe nur, wenn ich weiß, dass die andere Beziehung funktioniert.“
5. Woran erkenne ich, dass mein Partner einen wesentlichen Anteil an den Eheproblemen trägt?
Selbstreflexion ist wichtig. Sie darf aber nicht dazu führen, Verantwortung so lange zu verschieben, bis am Ende immer derjenige schuld ist, der am meisten über sich nachdenkt.
6. Wenn deine Wahrnehmung regelmäßig infrage gestellt wird
Natürlich erinnern sich zwei Menschen an Situationen unterschiedlich.
Problematisch wird es, wenn Aussagen, Vereinbarungen und Ereignisse regelmäßig abgestritten oder so verdreht werden, dass du zunehmend deiner eigenen Wahrnehmung misstraust.
Eine Beziehung kann Konflikte aushalten.
Dauerhafte Realitätsverschiebung zerstört dagegen Vertrauen.
7. Wenn sich dein Partner nur verändert, sobald du gehen willst
Dieses Phänomen erlebe ich in Beratungen häufig.
Jahrelang waren Gespräche schwierig oder wurden abgewehrt. Sobald die Trennung konkret wird oder die Affäre auffliegt, scheint plötzlich alles möglich zu sein.
Der Partner beginnt eine Therapie, spricht über Gefühle, übernimmt Verantwortung und verspricht Veränderungen.
Das kann vollkommen ernst gemeint sein. Verlustangst kann tatsächlich etwas in Bewegung bringen.
Ausschlaggebend ist jedoch nicht, was jemand in den ersten zwei Wochen einer Krise tut. Interessanter ist, was davon nach einigen Monaten noch vorhanden ist, wenn die akute Angst vor dem Verlust nachlässt.
8. Wenn Abwertung und Respektlosigkeit zum Alltag geworden sind
Spott, Beschämung, herablassende Kommentare und ständige Kritik verändern eine Beziehung.
Natürlich kann man fragen, warum jemand so geworden ist. Vielleicht gibt es Verletzungen, Überforderung oder jahrelange Konflikte.
Eine Erklärung ist jedoch keine Rechtfertigung.
Niemand muss dauerhaft respektloses Verhalten hinnehmen, nur weil sich dessen Entstehung psychologisch erklären lässt.
9. Wenn ernsthafte Gespräche immer wieder verhindert werden
In Beziehungen wird sehr viel über Kommunikation gesprochen. Das ist grundsätzlich sinnvoll.
Manchmal entsteht dadurch allerdings der Eindruck, jedes Problem ließe sich lösen, wenn man nur noch etwas ruhiger, wertschätzender und geschickter kommuniziert.
Das stimmt nicht.
Auch die beste Gesprächstechnik kann niemanden dazu bringen, zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen oder sich mit unangenehmen Themen auseinanderzusetzen, wenn dieser Mensch es nicht möchte.
Sind beide Partner immer zu gleichen Teilen für Eheprobleme verantwortlich?
Nein.
Dieser Gedanke hält sich hartnäckig, weil eine Beziehung natürlich von zwei Menschen gestaltet wird.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Situation automatisch eine Verantwortungsteilung von fünfzig zu fünfzig besitzt.
Es gibt gemeinsame Dynamiken. Einer fordert immer stärker Nähe, der andere zieht sich immer weiter zurück. Je stärker der eine drängt, desto stärker distanziert sich der andere. Solche Muster entstehen tatsächlich zwischen zwei Menschen.
Daneben gibt es individuelle Entscheidungen.
Eine Lüge bleibt die Verantwortung dessen, der lügt. Eine Drohung bleibt die Handlung dessen, der droht. Abwertung bleibt die Verantwortung desjenigen, der abwertet. Und auch die Entscheidung für eine Affäre liegt zunächst bei dem Menschen, der diese Grenze überschreitet.
Die Reaktion des Partners darauf darf selbstverständlich ebenfalls betrachtet werden.
Nur sollten Ursache und Reaktion nicht verwechselt werden.
Affäre oder Ehe: Wie kann ich beide Beziehungen realistisch beurteilen?
Eine der größten Schwierigkeiten entsteht dadurch, dass Ehe und Affäre ständig gegeneinander bewertet werden.
Damit wird die Entscheidung unnötig kompliziert.
1. Was würde von meinen Eheproblemen übrig bleiben, wenn die Affäre morgen vorbei wäre?
Stell dir vor, die andere Person würde morgen vollkommen aus deinem Leben verschwinden: Welche Probleme deiner Ehe wären weiterhin vorhanden?
Würdest du deinen Partner wieder lieben wollen? Würdest du weiterhin bestimmte Gespräche vermissen? Würde dir weiterhin Nähe fehlen? Würdest du dich auch ohne die Affäre fragen, ob du diese Beziehung noch führen möchtest?
Diese Gedanken helfen dabei, Ehe und Affäre voneinander zu trennen.
2. Würde ich meine Ehe auch verlassen, wenn ich anschließend allein wäre?
Das ist häufig die unangenehmste Frage. Denn dann gibt es keinen neuen Partner als Belohnung für die schwierige Entscheidung.
Vielleicht gibt es erst einmal nur eine Wohnung, veränderte finanzielle Bedingungen, enttäuschte Menschen, schwierige Gespräche und Einsamkeit.
Wenn du trotzdem weißt, dass du deine Ehe nicht mehr führen möchtest, sagt das deutlich mehr über deine Entscheidung aus als die Intensität deiner Affäre.
3. Ist die Affärenperson wirklich ein möglicher Lebenspartner?
Gefühl und Beziehungsfähigkeit sind nicht dasselbe. Jemand kann dich sehr lieben und trotzdem kein guter Partner für einen gemeinsamen Alltag sein.
Deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf Verlässlichkeit, Konfliktfähigkeit, Ehrlichkeit, Verantwortungsbereitschaft, Grenzen, Lebensziele und das Verhalten unter Belastung.
Gerade intensive Beziehungen werden häufig danach beurteilt, wie stark man füreinander empfindet.
Für eine langfristige Partnerschaft ist mindestens genauso wichtig, wie zwei Menschen miteinander umgehen, wenn es schwierig wird.
Wann lohnt es sich, die Ehe nach einer Affäre noch einmal zu versuchen?
Eine Ehe muss nicht beendet werden, nur weil es eine Affäre gab. Manche Paare schaffen es tatsächlich, eine schwere Krise zu nutzen, um ihre Beziehung grundlegend zu verändern. Dafür braucht es allerdings mehr als Angst vor der Trennung und gute Vorsätze.
Eine echte Chance sehe ich vor allem dann, wenn grundlegender Respekt vorhanden ist, beide ihren eigenen Anteil betrachten können und Veränderungen nicht nur angekündigt, sondern tatsächlich umgesetzt werden. Ebenso wichtig ist, dass schwierige Gespräche ohne Einschüchterung möglich sind und beide noch echtes Interesse am inneren Erleben des anderen haben.
An der Ehe zu arbeiten bedeutet übrigens nicht, bereits versprechen zu müssen, für immer zu bleiben. Es bedeutet zunächst nur, ehrlich herauszufinden, ob heute noch genug vorhanden ist, auf dem eine gemeinsame Zukunft entstehen könnte.
Wann sollte ich aufhören, um meine Ehe zu kämpfen?
Eine langjährige Beziehung beendet man normalerweise nicht wegen einiger schwieriger Monate.
Auf der anderen Seite ist die Dauer einer Beziehung allein noch kein Grund, sie für immer fortzuführen.
Wenn nur einer von beiden jahrelang an der Beziehung arbeitet, Gespräche oder Unterstützung dauerhaft verweigert werden und dieselben Probleme immer wieder diskutiert werden, ohne dass sich etwas verändert, darf irgendwann auch die Grenze der Beziehungsarbeit erreicht sein.
Besonders ernst wird es, wenn Kontrolle, Einschüchterung, Drohungen oder permanente Abwertung dazugehören.
Auch grundlegende Unterschiede können irgendwann entscheidend werden.
Vielleicht haben sich Werte, Sexualität, Lebensentwürfe oder Vorstellungen von Partnerschaft so weit auseinanderentwickelt, dass nicht mehr nur Kommunikation fehlt, sondern tatsächlich unterschiedliche Leben gewünscht werden.
Bin ich meiner Ehe vielleicht einfach entwachsen?
Menschen entwickeln sich während einer langen Beziehung. Nur entwickeln sie sich nicht zwangsläufig in dieselbe Richtung.
Was vor fünfzehn Jahren hervorragend zusammengepasst hat, muss heute nicht automatisch noch stimmen.
Das bedeutet nicht, dass jede Langeweile ein Trennungsgrund ist. Keine langjährige Beziehung besteht dauerhaft aus aufregender Sexualität, intensiven Gesprächen und Schmetterlingen.
Langeweile kann aber auch etwas anderes bedeuten: Vielleicht findet kaum noch wirklicher Austausch statt. Vielleicht wurden Interessen und Entwicklung über Jahre aufgegeben. Vielleicht fühlt sich einer von beiden zunehmend allein, obwohl zwei Menschen im selben Haus leben.
Dann sollte Langeweile nicht vorschnell als mangelnde Beziehungsfähigkeit abgetan werden. Manchmal ist sie ein Symptom dafür, dass zwischen zwei Menschen tatsächlich kaum noch etwas stattfindet.
Du kannst würdigen, was euch einmal verbunden hat, und gleichzeitig feststellen, dass die heutige Form dieser Beziehung nicht mehr zu dir passt.
Kann meine Ehe vorbei sein, obwohl die Affäre ebenfalls keine Zukunft hat?
Ja, selbstverständlich. Das wird häufig übersehen.
Es kann sein, dass deine Ehe nicht mehr tragfähig ist und die Affäre trotzdem keine gute zukünftige Beziehung wäre.
Es kann genauso sein, dass eine Beziehung mit der Affärenperson grundsätzlich denkbar wäre, du aber noch nicht bereit bist, die Konsequenzen einer Trennung zu tragen.
Und es kann passieren, dass die Affäre endet und du Monate später trotzdem feststellst, dass du nicht in deine Ehe zurückwillst.
Deshalb sollte die zentrale Frage lauten: “Welche dieser Beziehungen möchte ich unabhängig von der jeweils anderen Person noch führen?”
Welche Fragen helfen bei der Entscheidung zwischen Ehe, Affäre und Trennung?
Wenn du zwischen Ehe und Affäre stehst, würde ich vier Fragen besonders ernst nehmen:
- Wenn die Affäre morgen enden würde, welche Probleme meiner Ehe wären weiterhin vorhanden?
- Wenn es die Affärenperson niemals gegeben hätte, würde ich meine Ehe heute noch führen wollen?
- Würde ich mich auch trennen, wenn ich anschließend längere Zeit allein wäre?
- Erlebe ich die Affärenperson bereits als realen Partner oder hauptsächlich innerhalb außergewöhnlicher Bedingungen?
Diese Fragen liefern keine schnelle Entscheidung und genau das ist ihr Vorteil. Sie helfen dabei, die verschiedenen Ebenen auseinanderzuhalten.
Wie dir eine Beratung mit mir bei der Entscheidung zwischen Ehe und Affäre helfen kann
Menschen, die beruflich viel Verantwortung tragen, erleben diese Situation häufig als besonders irritierend.
Sie sind gewohnt, komplexe Sachverhalte zu analysieren, Entscheidungen zu treffen und anderen Orientierung zu geben. In der eigenen Beziehung funktionieren diese Fähigkeiten plötzlich nur noch eingeschränkt.
Das ist nachvollziehbar.
Hier geht es schließlich nicht nur um Fakten. Es geht um gemeinsame Geschichte, Loyalität, Kinder, Schuldgefühle, wirtschaftliche Folgen, Verantwortung und häufig auch um die Angst, eine weitreichende Entscheidung später bitter zu bereuen.
In meiner 1:1-Beratung geht es deshalb weder darum, dich möglichst schnell zur Trennung zu bewegen, noch darum, deine Ehe um jeden Preis zu erhalten.
Wir schauen vielmehr darauf, welche Probleme bereits vor der Affäre vorhanden waren, welchen Anteil du tatsächlich verändern kannst und wo du möglicherweise Verantwortung übernimmst, die gar nicht bei dir liegt.
Genauso kritisch betrachten wir die Affäre.
Manchmal zeigt sich dabei, dass eine Ehe deutlich mehr Entwicklungsmöglichkeiten besitzt, als es mitten in einer Affärenkrise zunächst erscheint.
Aber manchmal wird ebenso deutlich, dass ein Mensch schon seit Jahren versucht, eine Beziehung praktisch allein am Leben zu erhalten.
Beides darf angesehen werden, ohne vorher festzulegen, welches Ergebnis moralisch das richtige sein soll.
Fazit: Eine Affäre macht dich nicht automatisch zum alleinigen Problem deiner Ehe
Ja, alte Bindungsmuster, Verlustängste und Erfahrungen aus früheren Beziehungen können beeinflussen, in wen wir uns verlieben und wie wir Beziehungen führen.
Eine Affäre kann Projektion sein. Sie kann Vermeidung sein. Sie kann der Versuch sein, einem unangenehmen inneren Konflikt auszuweichen.
Aber damit ist nicht jede Affäre erklärt.
Und vor allem wird nicht jede Ehe plötzlich gut, nur weil derjenige, der eine Affäre begonnen hat, noch intensiver an sich arbeitet.
Manchmal liegt ein erheblicher Anteil der Probleme im eigenen Verhalten. Manchmal haben zwei Menschen über Jahre gemeinsam eine belastende Dynamik entwickelt. Und manchmal liegt ein wesentlicher Teil beim Partner, der Gespräche verweigert, lügt, kontrolliert, abwertet oder dauerhaft keine Verantwortung übernimmt.

FAQ: Bin ich wegen meiner Affäre automatisch das Problem in meiner Ehe?
Nein. Eine Affäre ist zunächst die Entscheidung desjenigen, der sie eingeht. Trotzdem können bereits vorher erhebliche Probleme in der Ehe bestanden haben. Wichtig ist, den eigenen Anteil, die gemeinsame Beziehungsdynamik und die Verantwortung des Partners getrennt zu betrachten.
Eine Affäre kann zeigen, was dir fehlt, zum Beispiel emotionale Nähe, Sexualität, Aufmerksamkeit oder das Gefühl, wieder lebendig zu sein. Sie zeigt aber nicht automatisch, warum etwas fehlt oder wie das Problem gelöst werden sollte.
Hinweise können wiederkehrende Beziehungsmuster, nicht ausgesprochene Bedürfnisse, die Idealisierung der Affäre, das Abwehren von Kritik oder das Verschieben der gesamten Verantwortung auf den Partner sein.
Zum Beispiel wenn deine Wahrnehmung regelmäßig entwertet wird, Gespräche verhindert werden, Abwertung oder Kontrolle zum Alltag gehören, Vereinbarungen wiederholt gebrochen werden oder Veränderung nur versprochen, aber nicht dauerhaft umgesetzt wird.
Wenn noch Respekt vorhanden ist, beide ihren Anteil sehen, Gespräche möglich sind und konkrete Veränderungen stattfinden. Wenn dauerhaft nur einer kämpft, Gespräche verweigert werden oder Abwertung, Kontrolle und Einschüchterung bestehen, kann weitere Beziehungsarbeit an ihre Grenze kommen.

Du brauchst eine ehrliche Einschätzung deiner gesamten Situation
Gerade wenn du zwischen Ehe, Affäre und Verantwortung stehst, brauchst du weder jemanden, der dir vorschnell zur Trennung rät, noch die nächste Erklärung, warum du einfach nur noch mehr an dir selbst arbeiten solltest.
Du brauchst eine realistische Einschätzung dessen, was tatsächlich da ist.
In meiner 1:1-Beratung unterstütze ich dich dabei, die eigene Geschichte, die bestehende Ehe und die neue Verbindung getrennt und zugleich im Zusammenhang zu betrachten.
→ Meine Situation mit Silke besprechen
Damit deine Entscheidung nicht allein aus Schuld, Angst oder der Intensität einer neuen Verliebtheit entsteht, sondern aus einer realistischen Einschätzung dessen, was du heute lebst und in Zukunft leben möchtest.
Weitere Impulse rund um Affären erhältst du regelmäßig in meinem Newsletter.
Herzlich
Silke Setzkorn

Über die Autorin
Silke Setzkorn ist systemisch-psychologische Beraterin und seit über 15 Jahren auf Affärenberatung für verheiratete Männer spezialisiert. Über 40.000 Gespräche, Autorin von 3 Büchern, u. a. „So lieben Männer in Affären“ und Host des Podcasts „Affären-Kompass®“. Sie schreibt über Entscheidungen und Dynamiken in Affären.
Bei der redaktionellen Ausarbeitung wurde KI unterstützend eingesetzt. Inhalt und fachliche Verantwortung liegen bei der Autorin.
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